Mit dem Ziel, einen Einblick in die Arbeitswelt des Sozialarbeiters  zu bekommen und das bisher erlerne Wissen anzuwenden, startete bereits letztes Jahr mein Berufspraktisches Semester beim Sozialpädagogischen Fachteam im Sömmerda. Hier kann man hautnah erleben, wie bei der Arbeit mit Familien, die Theorie in Praxis umgesetzt wird.

Dabei sind auch die Praktikanten nicht ganz unbeteiligt, denn ein reger Austausch über Methoden und Vorgehensweisen findet regelmäßig statt.

Wer frisch von der Uni oder der Hochschule kommt hat viele Fragen, die von den Mitarbeitern gerne beantwortet werden. Dazu wird vor allem viel Erfahrung im Umgang mit den Klienten geboten. Im Gegenzug werden neue Ideen und Sichtweisen eingebracht aber auch das ein oder andere aktuelle Thema aus dem Studieninhalt.

 

Und so konnte auch ich, mit einem kleinen fachlichen Input zum Thema Genogramm und Familienaufstellung, welchen das Fachteam am 13.Mai erhielt, meinen Teil dazu beitragen.

 

Beide Methoden stammen aus der systemischen Beratung und finden oft Anwendung bei der Arbeit mit Familiensystemen.

 

Doch wer zu einem Familiensystem dazugehört, gilt es erst herauszufinden. Ein Genogramm bietet dem Helfer eine gute Möglichkeit, sich einen ersten Überblick zu verschaffen, Informationen einzuholen und Beziehungen einzuschätzen. Gleichzeitig schafft es für den Klienten einen leichten, fast spielerischen Einstieg in die systemische Arbeitsweise, denn während er einen „Stammbaum“ seiner Familie aufzeichnet, hat der Familienhelfer die Möglichkeit, Rollen, Regeln sowie Interaktionsmuster der Herkunftsfamilie zu erfragen und daraus erste mögliche Hypothesen für das Problemverhalten abzuleiten.

 

Wenn ein Helfer in die Familie kommt, dann steht er oft vor einer ganzen Reihe scheinbar unlösbarer Probleme. Dabei hat jedes Familienmitglied sein eigenes Päckchen zu tragen und der Helfer ist sofort bemüht die Probleme anzupacken und mit den Klienten Stück für Stück ihren Zielen zu arbeiten. Dabei sollte aber die Familie als Ganzes nicht außer Acht gelassen werden. Um es mit den Worten von Virginia Satir zu sagen „Ein System ist eine Ganzheit. Jedes Teil ist mit jedem so verbunden, dass jede Änderung eine Änderung des Ganzen bewirkt.“

 

Daher muss vieles hinterfragt werden: Was steckt hinter dem Verhalten? Wer beeinflusst wen? Wie sind die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander? Und wie verhält sich das Problem aus der Sicht eines anderen Familienmitgliedes?

 

Eine gute Möglichkeit, die Sicht der Klienten auf ihr Familiensystem zu erfragen, biete die Familienaufstellung oder Familienskulptur. Dabei agiert der Klient wie ein Künstler oder Bildhauer, der seine Familie zu einer Skulptur formt, indem er entweder die Familienmitglieder oder dafür stellvertretende Personen oder Figuren, im Raum nach seiner Empfindung aufstellt. Wichtig dabei sind vor allem der Abstand der Personen zueinander, welcher die emotionale Nähe und Distanz darstellt, sowie die Blickrichtung der Personen, symbolisch für deren Zu- bzw. Abwendung. Zusätzlich kann man mit Höhenunterschieden Machtverhältnisse darstellen und auch typische Haltungen oder Mimik kann durch den Aufsteller „modelliert“ werden.

 

Das aufgestellte Bild der Familie kann dem Familienhelfer viele aufschlussreiche Informationen in Bezug auf das subjektive Empfinden seiner Klienten geben. Vor allem aber, bietet es den Familienmitgliedern die Möglichkeit sich in die Position des Anderen zu versetzen und das Ganze aus seiner Perspektive zu betrachten. In Zusammenarbeit mit allen Familienmitgliedern kann das aufgestellte Bild schlussendlich zu einem „Wunschbild“ verändert werden, wobei gleichzeitig mögliche Lösungen und Ziele besprochen werden können.

 

Im Rahmen des berufspraktischen Semesters stellte diese kleine Weiterbildung gleichzeitig mein Praxisprojekt dar. Vor allem aber, war es eine schöne Erfahrung sich über die Anwendung der Theorie in der Praxis auszutauschen und dabei gegenseitig voneinander zu lernen.

 

Anastasia Tyscenko, 11.06.2015